Sonntag, 7. August 2011

Recycling-Mode: Umstyling für ein schwarzes Schlabberkleid

Wir waren auf der Hochzeit eines lieben Freundes eingeladen, die gestern stattgefunden hat. Ungefähr zwei Wochen vorher habe ich begonnen mir Gedanken darüber zu machen, was ich da wohl anziehen könnte. Das niederschmetternde Ergebnis: nichts!
Der Hosenanzug ist im letzten Vierteljahr nicht mitgewachsen, die Sommerkleider sind zu leger, in Blusen fühle ich mich nicht wohl, das Abendkleid fand ich zu übertrieben - immerhin ging die Hochzeit schon um 12 Uhr mit Kirche los, Sektempfang, Kaffe und Kuchen, Abendbuffet und Feier bis in die Nacht. Was zieht man da überhaupt an?
Ein Kleid aus regionaler, solider handwerklicher Produktion gab unser Budget nicht her und irgendwas aus einem Billiglohnland zu kaufen wiederstrebte mir. Also blieb mir nur die Wahl: ein neues Kleid nähen oder ein altes umarbeiten. Ich sichtete meinen Kleiderschrank nochmal und entschied mich für letzteres.
In einem alten schwarzen Jerseykleid aus Viskose-Polyester-Gemisch entdeckte ich das Potential. Es brachte zwei Vorteile mit: das schlichte Schwarz ließ sich mit praktisch allem kombinieren und es war bequem!
Ansonsten war bei diesem Kleid jede Chance ergriffen worden, um für meine Figur unvorteilhaft zu sein. Ich besitze es seit ungefähr 17-18 Jahren, aber ich habe es nie viel getragen, die letzten 10 Jahre vermutlich überhaupt nicht mehr, es aber doch irgendwie nicht wegwerfen wollen, weil es ja eigentlich noch gut war. Manchmal ist das schon verrückt, was man so für einen Ballast im Schrank hat, aber es gehört ja zu meinem Anliegen, seit ich im letzten Oktober diesen Blog begonnen habe, dass ich nach für nach alle diese Schrankleichen aufarbeite und irgendwann nur noch "Lieblingsstücke" im Haus habe.


Das Kleid hatte eine Länge, die eigentlich bei fast niemandem wirklich gut aussieht, aber bei mir besonders furchtbar. Bei meinen etwas zu kräftig ausgefallenen Beinen, lassen sich kniekurze Röcke noch ganz gut tragen, knöchellang noch viel besser. Das schwarze Kleid endete aber genau an der breitesten Stelle meiner Waden und das sah schon immer fürchterlich aus.
Das beste an meiner Figur war schon immer die schmale Taille, die in Resten selbst jetzt, so dicht an meinem Höchstgewicht, immer noch vorhanden ist. Wenn man die ein bisschen betont, kann man zumindest ein bisschen von den Problemzonen ablenken. Das Kleid hing jedoch von der Brust gerade wie ein Sack herunter und machte mich noch unnötig dicker.
Der große runde Halsausschnitt betonte die Form der Brust wie in einer Wiederholung und ließ mich noch runder wirken.
Nur die Ärmel waren einigermaßen günstig für meine kräftigen Oberarme, nämlich lang, schwarz und schmal geschnitten. Ich wollte sie aber noch zusätzlich verlängern, um die Form optisch weiter zu strecken.

Mein Plan für das "Umstyling" sah also folgendermaßen aus:
- Länge anpassen
- Taille betonen
- Halsausschnittform verändern
- Ärmel verlängern

Außerdem wollte ich gerne noch etwas zu dieser Hochzeit passendes mit aufnehmen. Zuerst gingen meine Gedanken an Rosen, denn der 6. August ist der Tag eines Rosenfestes, wie mir der Bräutigam verriet, und ich wusste, dass dieses Thema in der Deko aufgegriffen worden war. Ich entschied mich dann aber für ein paar subtilere Details. Denn der Bräutigam macht begeistert Origami. Ich kann das bisher noch nicht. Aber ich hatte in dem wundervollen Buch "Trendy Vintage" eine Borte aus Stofforigami gesehen.

Als Stoff wählte ich einen alten Satin-Bettdecken-Bezug in leuchtendem, aber dunklen Blau aus. Und ich nahm mir vor, ausschließlich mit rechteckigen Teilen zu arbeiten. Ich habe neulich mit großem Kopfschütteln darüber gelesen, dass die Modebrachnche auch deshalb zu den größten "Umweltsündern" gehört, weil im Durchschnitt mit 15 % Verschnitt gearbeitet wird (je exklusiver die Mode, desto höher der Verschnitt, in den Designer-Häusern sind wohl auch Zahlen jenseits von 30 % nicht ungewöhnlich). Durch die langjährige Beschäftigung mit der Mode des 11. und 12. Jh. und der Verwendung von handgewebten Stoffen, bin ich daran gewöhnt so zu arbeiten, dass es überhaupt keinen Verschnitt gibt und auch nicht geben darf, weil im Mittelalter in jedem Quadratzentimeter Stoff viele Arbeitsstunden gelegen haben. Also mein Anspruch für dieses Umstyling: Kein Verschnitt!

Als erstes habe ich die Länge angepasst. Ich habe mich dafür entschieden, das weich fließende Jerseykleid auf bodenlang zu verlängern. Vom Bettbezug habe ich zuerst die Knopfleiste abgeschnitten und dann entlang der Längsnähte über die gesamte Länge einen jeweils 34 cm breiten Streifen abgeschnitten. Die Streifen waren jeweils knapp 2 m lang, der alte Saum insgesamt knapp 3 m.
Die alte Längsnaht wurde zur neuen Saumkante. Die Schnittkanten habe ich nach innen umgeschlagen und zunächst mal die Hälfte mit einem Reihfaden eingehalten und mit Nadeln auf einen Viertel des Saumes, also auf 75 cm verteilt. Mit Überwendlichstichen habe ich den Volant von außen aufgenäht und auch die Seitennähte des Volants geschlossen.


Für den Halsauschnitt habe ich 8 Streifen in 30 cm Länge und ca. 7 cm Breite zugeschnitten, vier davon etwas breiter, vier etwas schmaler. Ich habe alle Kanten nach innen gefaltet und die Bänder dann noch der Länge nach gefaltet. Um später den Flechteffekt noch zu verstärken, habe ich sie mit schwarzem Nähgarn im Rückstich entlang der offenen Kanten zusammengenäht. Die vier schmaleren Streifen auch noch entlang der Faltkante. Bei den breiteren Streifen wurde die Faltkante erst beim Aufnähen auf das Kleid gesteppt.
Der alte Halsausschnitt blieb erhalten, ich habe die Stoffstreifen zu einem Quadrat darauf gelegt. Die etwas breiteren Streifen bilden das äußere Quadrat und verdecken die alte Kante größtenteils. Die etwas schmaleren Streifen bilden ein inneres Quadrat, verdecken in den Ecken die Reste der Rundung und verkleinern den Ausschnitt optisch insgesamt.
An den Ecken habe ich die Streifen wie beim Weben überlappen lassen und damit schon mal das Origami-Thema aufgegriffen. Die inneren Streifen habe ich etwas länger gelassen, die äußeren etwas gekürzt, damit sich der Ausschnitt getragen optimal an die Kontur der Schultern anpasst.



Die Ärmel bekamen eine Art Manschette aus doppellagigem Satin, die von innen an die Ärmel angenäht wurde. Da sie dadurch überlang wurden, ist die Manschette auf der Daumenseite für einige Zentimeter offen, so dass man gut Händeschütteln oder Besteck benutzen kann, ohne die Ärmel hochschieben zu müssen. Von der Außenseite wollte ich die Kante durch eine aufgesetzte Stoffborte verdecken. Hier kam nun das Stoff-Origami zum Einsatz. Ein Stoffstreifen wird so gefaltet, dass die Schnittkanten sich auf der Innenseite überlappen. Aus dem langen Streifen näht man dann rechtwinklig Bereiche ab. In meinem Fall sollten diese Abschnitte 1 cm breit sein, d.h. in der Länge musste ich dafür 2 cm rechnen, da der Stoff ja dort doppelt liegt. Aber im Gegensatz zu der Anleitung in "Trendy Vintage", wo es sich um ein fortlaufendes Muster aus Dreiecken handelt, habe ich das Muster für mich angepasst. Ich habe immer zwei Abschnitte an einer Stelle zusammengezogen und die Seiten dann nicht in die selbe Richtung eingeklappt, sondern eines davon gespiegelt. Dadurch ergab sich eine kleine Raute. Für jede Raute habe ich ungefähr 4 cm in der Länge benötigt.
Anders als beim echten Origami wird hier ja auch gewissermaßen geschummelt, indem die nach innen geklappten Seiten der Dreiecke mit ein paar Stichen fixiert werden. Pro Ärmel habe ich zunächst drei solcher Rauten gearbeitet und dann beim Aufnähen genau bei der offenen Seite der Manschette aus den Endstücken noch eine vierte.
Abgerundet werden die Ärmel durch kleine aufgenähte schwarze Kunststoff von einem alten Armbändchen, dessen Gummi kaputt gegangen ist.



Um das Kleid auf Taille zu bringen, reicht theoretisch ein einfacher Gürtel. In einer alten Burda vom Flohmarkt, hatte ich Jersey-Kleider mit langen Bindebändern gesehen. Das erschien mir für dieses Kleid passender. Ich konnte die Maße erst nich glauben, habe es aber dann doch tatsächlich so umgesetzt, dass ich zwei Bänder à 150 cm Länge genäht habe. Anders als bei den meisten Stellen des Kleides, wollte ich sie nicht von außen mit Überwendlichstich oder Rückstich nähen, sondern von links und sie dann wenden. Das habe ich auch gemacht, aber sie ließen sich dann nicht gut flach bügeln und vor allem blieben sie nicht so. Durch die innen liegenden Nähte wurde die Tendenz des Stoffes noch gefördert, sich aufzuplustern und statt flacher Bindebänder mehr nach Schläuchen zu wirken. Um hier Abhilfe zu schaffen und die Bänder zu veredeln, habe ich geschliffene, schwarze Kunststoffperlen von einem alten, mehrreihigen Armband, das vor mir schon meiner Mutter gehört hatte und dessen Gummi ebenfalls ausgeleihert war, verwendet. Ich habe je Bindeband 10 solcher Perlen aufgenäht, d. h. je fünf übereinander, aber von beiden Seiten, so dass die Stoffschichten in der Mitte verbunden wurden und sich der Stoff nicht mehr aufplustern konnte. Die geschliffenen Perlen geben in Kunstlicht schöne Lichtreflexe.


Die Bindebänder wurden in der Originalbeschreibung in den Seitennähten mitgefasst. Das ging hier natürlich nicht, weil das Kleid ja schon fertig genäht war. Ich habe sie also von außen auf die Seitennähte aufgenäht. Abweichend von der Burda-Vorlage habe ich sie auch nicht unten schräg geschnitten, sondern die Kanten gerade gelassen.

Das waren dann erstmal die Änderungen am Kleid. Der doppellagige Volant am Saum gab dem Kleid mehr Volumen und viel Schwung beim Laufen. Die Bindebänder bringen die gewünschte Taille, ohne zu viele Falten zu werfen. Dadurch dass sie so lang sind und nach hinten weisend angenäht wurden, bringen sie das Kleid in Form ziehen die Falten aber eher nach hinten, wo wegen des Hohlkreuzes Platz für ein paar Falten ist :-) Vorne zur Schleife gebunden, verdeckt die Schleife sogar noch ein wenig das inzwischen leider vorhandene kleine Bäuchlein.


Sam bekam anlässlich der Hochzeit noch einen alten Schlips von meinem Mann gekürzt und ans Halsband geknotet. Damit wurde er sofort zum Liebling aller Hochzeitsgäste. Es ist ein interessantes Phänomen, wie anders Leute auf einen Hund mit Schlips reagieren. Obwohl Sam ja eine Seele von Hund ist, haben doch viele Leute Angst, weil er groß und dunkel ist. Aber ein Hund mit Schlips frisst vermutlich keine Hochzeitsgäste...

Ich hatte nun noch ein großes Stück doppellagigen blauen Stoff übrig, den ich zu einer Stola verarbeiten wollte. Dazu noch die Knopfleiste. Ergänzt habe ich einen ausgemusterten schwarzen Netzschal. Von diesem habe ich an beiden Enden einen Streifen angesetzt und mit Stoffstreifen aus der Knopfleiste eingefasst. Es war ein ziemliches Geduldsspiel mit dem sehr dehnbaren und sich aufläsendem Material zu arbeiten.
Die Stola selbst habe ich nach den Erfahrungen mit den Bindebändern lieber an den Kanten nach innen umgeschlagen und mit Überwendlichstichen von außen genäht.
Die Enden der Stola wollte ich noch etwas raffen, um den Effekt des Netzschalen noch zu verstärken. Dazu habe ich schmale Stoffstreifen genäht, mit einer Länge von etwas mehr als der halben Stolabreite. Ich habe sie in einigen Zentimern Abstand zur Ansatzstelle des Netzstoffes durch den Stoff gefädelt und an die Einfassung angenäht. Den Netzstoff habe ich gleichmäßig darauf verteilt und mit wenigen Stichen zusammengerafft. Auf den Stoffstreifen dann noch ein paar von den gleichen geschliffenen Kunststoffperlen, wie auf das Bindeband, für weitere Glanzlicht-Effekte bei Kunstlicht. Dadurch wirkt die Stola nicht nur offen über die Schultern getragen sondern auch ganz besonders gut, wenn sie vorne verschlungen ist, so dass das Stoffband mit den Perlen schön zu sehen ist.





Nun, wieder ausgeschlafen von der Hochzeitsfeier, kann ich Euch von meiner Freude darüber schreiben, dass ich 6 Tage Arbeit in das Kleid und 4 Tage Arbeit in die Stola investiert habe (an allen Tagen habe ich  mehrere Stunden nähen können). Ich hatte auf das richtige Kleid gesetzt, denn es ist die ganzen 12 Stunden über bequem geblieben und hat trotzdem gut ausgesehen! Mir gefällt das Ergbnis gut und ich freue mich, dass ich nicht irgendwas neues, billiges gekauft habe, was bei meiner Figur meistens doch nicht überall optimal sitzt. Und der Bräutigam hat sich über die Origami-Borte auch gefreut :-) An dem alten Kleid habe ich überhaupt nicht herum geschnitten, sondern nur ergänzt, es ist sozusagen noch im Original erhalten. Den Bettbezug habe ich optimal ausgenutzt, bis auf wenige Krümel, vor allem Nähte, von der Knopfleiste, ist nichts mehr übrig. Kurzum: Plan rundum geglückt!

Kommentare:

  1. Dein Kleid ist Dir so phantastisch gelungen dazu kann ich nur gratulieren !!!Auch die Stola gefällt mir und ist das Tüpfelchen auf dem i zum Kleid. Auch die Beschreibung der Entstehungsgeschichte hat mich direkt angesprochen! ( hab mich oft selbst gefunden)
    Liebe Grüße von der naehmeise

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  2. was hab ich grad gelacht - nicht ueber das kleid (bei dem mir die kragenloesung besonders gefaellt, mit den "geflochtenen" ecken!) - sondern darueber, dass ein hund mit schlips wohl keine gaeste frisst... und wenn der schlips nun als serviette diente????:))
    ich hab auch das problem mit kleidern - wenn sie oben passen, dann unten nicht, taille sitzt sonstwo usw... daher hab ich schon vor laengerer zeit alle ausgemistet, bis auf eins - das ich mir vor jahren selbstgenaeht hatte fuer den abschlussball der tanzschule (als endzwanzigerin, nicht etwa als teenager:)) leider muesste ich wohl schwer erkranken, um da nochmal reinzupassen! und aendern - wuerde heissen, laengsstreifen einzusetzen, ich glaube, das lass ich besser:)) aber schoen, dass du aus dem vorrat was feines machen konntest, das ausserdem noch bequem ist!
    irische gruesse

    Bettina

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  3. Freut mich, dass Euch das Kleid auch gefällt, danke für Eure netten Worte! Ich habe mir auch schon überlegt, die Kragenlösung später für ein anderes Kleidungsstück wieder aufzugreifen, denn sie gefällt mir sehr gut und ist ja eigentlich wirklich ziemlich simpel zu arbeiten.
    Die Idee mit dem Schlips für den Hund ist übrigens bei einem unbekannten Herrn abgeschaut, der kürzlich mit seinem riesigen Rottweiler in Frankfurt in eine Straßenbahn gestiegen ist. In der Bahn kommen sich ja Mensch und Hund manchmal näher als gewollt und ich habe auch mit Sam schon viel Angst und Ablehung erlebt. Der mächtige Rottweiler trug jedenfalls einen Schlips in Regenbogenfarben und die Leute haben alle freundlich und entspannt auf ihn reagiert. Es ist erstaunlich, aber das funktioniert wirklich!
    Grüße, Zebra

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  4. Großes Kompliment, liebes Zebra - da hast Du wirklich etwas Wunderbares gezaubert! Das Kleid steht Dir sehr gut, war auch sicher für den Anlaß perfekt - und so, wie Du gearbeitet hast finde ich ganz fantastisch! Ich bin echt beeindruckt!

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